Über den Dächern von Mainz - Eine Reportage über die Höhenretter des ASB

Geschrieben am 16.Oktober 2008





HÖREG ASB Mainz

 

 

Nach rund drei Jahren Vorbereitung und unzähligen Übungen ist es nun soweit: Die Höhenrettungsgruppe (HÖREG) der SEG vom ASB-Kreisverband Mainz-Bingen meldet sich offiziell einsatzbereit.

 

Es gibt wohl kaum ein Szenario, das die HÖREG in den letzten drei Jahren nicht geübt hat: Ob Hochhäuser, Baukräne oder die Rheinbrücken – kein hohes Objekt im näheren Umkreis, das von den Höhenrettern aus Mainz nicht bezwungen worden wäre. Ob mit Schleifkorb, Rettungsdreieck oder Gurtsystem - mit einem Erfahrungsschatz von mehr als 300 Übungseinsätzen und entsprechender Ausrüstung im Gepäck ist die Untergruppe des ASB Mainz inzwischen routiniert genug, um seit Beginn 2007 auch von offiziellen Stellen angefordert werden zu können.

 

Begonnen hat alles im Februar 2004. Angeregt durch eine bundesweite Ausschreibung „Neue Projekte“ des ASB-Bundesverbandes begann die Idee bei den Samaritern zu reifen, die vorhandenen Ressourcen der Mainzer Einsatzkräfte durch eine Höhenrettungsgruppe zu ergänzen. Der Standort am Rhein schien dafür ideal; immerhin findet sich erst in Gießen wieder eine medizinische HÖREG, gestellt von den Johannitern. Noch im selben Jahr ging es für acht Mitglieder der SEG nach Nürnberg, um dort bei der BF die entsprechende Ausbildung nach den Richtlinien der AGBF zu absolvieren. Im Jahr darauf folgten weitere sechs Mitglieder der ASB-SEG dem Beispiel ihrer Kollegen und wollten ebenfalls hoch hinaus. Insgesamt hängen bei der HÖREG zurzeit sechs weibliche und zehn männliche Helfer regelmäßig in den Seilen, inklusive Notarzt.

 

 

 

Wer hoch hinaus will, braucht Geduld

 

 

Die Anforderungen an Bewerber: So hoch wie die Gebäude, von denen sie sich später abseilen. Unter einem Mindestalter von 18 Jahren geht bei den Mainzern nichts. Und erst nach einem ausführlichen Vorgespräch dürfen Bewerber zum arbeitsmedizinischen Gesundheitscheck nach G 41, G 26.3 und G 25 der Berufsgenossenschaft, um sich für körperlich geeignet erklären zu lassen. Wer sich dann noch als schwindelfrei und höhentauglich erweist, hat die Chance auf eine Probezeit. Eine zeitliche Grenze nach oben gibt es nicht, jedoch müssen Bewerber mindestens sechs Monate Geduld mitbringen, bis über eine Aufnahme entschieden wird. Milton Scheeder, Mitbegründer und Ausbilder der HÖREG, erklärt die harten Kriterien: „Unsere gesamte Arbeit beruht auf Vertrauen. Ein Bewerber muss ins Team passen, sonst macht es keinen Sinn. Profilneurotiker und Alleingänger sind bei uns falsch, hier muss sich jeder zu jeder Zeit blind auf den anderen verlassen können. Fehler können wir uns einfach nicht erlauben, denn die können hier sehr schnell tödlich enden!“

 

Doch wer glaubt, die Mainzer Samariter haben mit der HÖREG eine in sich geschlossene Eliteeinheit aufgebaut, liegt falsch: Im Gegenteil, die Klettertruppe gibt sich erfreulich offen, von Höhenflug keine Spur. Darauf legt Malte Schütrumpf, der seit Beginn 2007 die Leitung von Scheeder übernommen hat, großen Wert: „Wir sind zu allererst Mitglieder der SEG. Und auch ein Höhenretter darf sich nicht zu schade dafür sein, Zelte mit aufzubauen und übliche Arbeiten zu verrichten.“

 

Die Ausbildung ihrer Truppe nehmen die Samariter inzwischen in die eigene Hand. Unter der Leitung von Milton Scheeder geht es für Anfänger zunächst an Knoten- und Materialkunde und später die Höhengewöhnung. Schritt für Schritt lernen Neulinge mit ihrer Lebensversicherung umzugehen und das für Laien unübersichtliche Gewirr aus Karabinern, Bandschlingen und Seilen in ein funktionierendes System zu verbinden. Wenn alle Handgriffe sitzen, werden die  Novizen das erste Mal ins Seil gehängt, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es ist, wenn man sein Leben in die Hände eines anderen begibt.

 

 

 

 

 „Erst nachdem sich die Helfer bewährt haben, können sie bei uns die Ausbildung zum Höhenretter machen“, erklärt der Leiter des ASB- Aus- und Weiterbildungszentrums, Karl-Heinz Ullrich. Mindestens 80 Stunden Ausbildung und zehn Objekte haben die Anwärter hinter sich, bevor sie zur Prüfung vorgelassen werden – dann müssen sie mündlich, schriftlich und praktisch zeigen, dass sie das Geschäft verstanden haben. Wer es bis zur Ausbildung geschafft hat, kommt in aller Regel auch durch die Prüfungen, hat die Erfahrung der Ausbilder gezeigt. „Die Motivation der Leute ist immens groß, und wer für die Höhenrettung – aus welchen Gründen auch immer – nicht geeignet ist, merkt das in der Regel bereits in der Probephase.“

 

Erfahrung und Know-how wollen die Mainzer jedoch nicht allein für sich behalten. „Auf Anfrage können sich auch Helfer anderer Organisationen auf die Lehrgänge bewerben“, betont Ullrich. Wichtig für die Samariter: Die Prüfung wird grundsätzlich von externen Fachleuten abgenommen. So sei sicher gestellt, dass ein hohes Niveau in der Ausbildung gehalten werde, so Ullrich.

 

 

 

 

 

Erst versorgen, dann retten

 

 

Im Gegensatz zu anderen Höhenrettungsgruppen möchten die Mainzer Samariter jedoch nicht auf eine notfallmedizinische Versorgung der Patienten verzichten. Der überwiegende Teil der Rheinhessenalpinisten hat die Ausbildung zum RS oder sogar zum RettAss. „Wir zwingen niemanden dazu, eine medizinische Ausbildung zu machen“, erklärt Schütrumpf, „doch wer hoch zum Patienten will, muss mit dem Notfall-Equipment auch umgehen können.“ Um Patienten adäquat Erstversorgen zu können, hat die  HÖREG stets einen abgespeckten Notfallrucksack sowie ein Leardal Heartstart 4000 Halbautomat und eine Akkuvac Elektronic von Weinmann mit im Gepäck; ansonsten würde von der Rettung der Patienten bis zur medizinischen Versorgung durch Bodengebundene Rettungskräfte einfach zuviel wertvolle Zeit vergeudet. Selbst bei günstigen Bedingungen ist ein Abseilen – ob mit dem Schleifkorb oder mit Gurten – unter 20 Minuten kaum möglich.

 

 

 

„Die beste Motivation ist der Spaß an der Sache“

 

 

Um für den Ernstfall gut gerüstet zu sein, verbringen die Höhenretter viel Zeit mit ihrem Ehrenamt. Jeden Mittwoch treffen sich die insgesamt 25 Mitglieder der SEG zu Fortbildungen, wobei ein Teil des Abends stets dem Thema HÖREG vorbehalten ist. Wer als First Responder eingesetzt wird, sammelt zusätzlich auf dem RTW die nötige notfallmedizinische Erfahrung. Um die Belange rund ums Thema Personalfragen kümmert sich Gruppenleiterin Sabine Lipp. „Die beste Motivation für unser Team ist der Spaß an der Arbeit“, erklärt die Sozialpädagogin, „wir versuchen, den Zusammenhalt der Gruppe auch über die dienstliche Zeit hinaus mit Gemeinschaftsaktivitäten zu festigen.“

 

Ein Konzept, das aufgeht. Der Umgang ist herzlich, es wird viel gelacht – miteinander, nicht übereinander. Auch in ihrer Freizeit verbringt die SEG-Abteilung viel Zeit zusammen; ob es gemeinsam zum Bowling geht oder bodenständig gekocht wird – hier verderben viele Köche nicht den Brei. Auch während und nach den Übungen ist eine gute Verpflegung übrigens ein wichtiger Punkt. „Wer schon ohne Aufwandsentschädigung bei Wind und Wetter an Fassaden hängt, braucht danach wenigstens einen heißen Kaffe und etwas im Magen“, macht die 25-Jährige deutlich. Hungriger Bauch klettert halt nicht gern…

 

 

 

„Die beste Lebensversicherung ist die Sicherheit – und die kommt nur durch Routine“

 

 

 

Zehn Stunden aktiv im Seil stehen für jeden mindestens pro Jahr auf der Liste; immerhin sind dafür rund 100 Übungsstunden nötig. Für die Höhenspezialisten jedoch kein Problem, denn an den meisten Wochenenden während eines Jahres haben sie Gelegenheit, an ausgesuchten Objekten zu trainieren. Dabei versuchen Scheeder und Schütrumpf, immer wieder ausgefallene Spots zu organisieren. „Meist haben wir Glück, und die Unternehmen, an deren Masten, Bürogebäuden oder Fassaden wir üben wollen, unterstützen uns dabei recht unkompliziert. Allerdings betonen wir immer, dass unsere Versicherung auch greift, falls etwas passiert oder versehentlich etwas durch unser Verschulden zu Bruch geht“, erklärt Scheeder. „Das war bislang jedoch noch nicht der Fall.“

 

 

 

 

 

Einer der Lieblingspots sind zwei der höchsten Gebäude im Umkreis, die  Bonifazius Türme in der Innenstadt von Mainz. Mit ihren knapp 95 Metern Höhe für die Seilspezialisten immer wieder eine Herausforderung. Auch dieses Wochenende stehen die „Twin Tower“ wieder auf dem Programm. Die HÖREG lädt ein; ausnahmsweise darf ein Reporter heute auf eigene Verantwortung mit auf das Dach, um die Übung aus nächster Nähe zu beobachten.

 

Geübt wird ein Szenario, wie es in Deutschland bereits in der Vergangenheit geschehen ist: Ein Fassadenreiniger sitzt in seinem defekten Arbeitskorb an einem der obersten Stockwerke fest und muss gerettet werden. Seltener Luxus für die Höhenretter: Ein Fahrstuhl bringt uns fast bis auf das Dach, die Mannschaft beginnt umgehend mit der Einschätzung der Lage. Schnell ist klar: Einer muss runter zum Patienten, ihn sichern und von dort aus zum Boden abseilen.

 

 

 

 

Um die Seile gegen Abrieb zu schützen, werden Gummimatten auf die raue Betonbrüstung gelegt. In dem eingespielten Team übernimmt jeder seine Aufgabe für den Aufbau, jeder Handgriff sitzt. Der Wind peitscht uns um die Ohren, ein leichtes Lüftchen ist etwas anderes. Zum ersten Mal kommt mir der Gedanke, ob es eine gute Idee war, nicht besser am Boden geblieben zu sein. Weder bin ich schwindelfrei, noch bin ich mit einer gewissen Tendenz zur Höhenangst hier oben richtig.

 

Ich werde mit einem Dynamikseil an Becken- und Brustgurt gesichert und wage einen Blick über die Brüstung. Der Blick in knapp 90 Meter Tiefe nimmt mir die Luft. Schwindelgefühl und weiche Knie lassen mich taumeln. Keine gute Idee das alles. Eine Hand zieht mich sanft nach hinten, ich sehe verschwommen in ein Gesicht mit Helm. „Lieber auf den anderen Turm für die Bilder?“ Ich nicke.

 

Fahrstuhl runter, über den Innenhof, Fahrstuhl wieder rauf. Sebastian Rech steht auf dem Zwillingsturm und holt per Telefon das aktuelle Wetter ein. Schwere Regenwolken ziehen auf. „Wir sind jetzt bei Windstärke 7 mit Gewitterwarnung, wir müssen uns beeilen. Das letzte, was wir riskieren, ist, selbst vom Blitz getroffen zu werden. Eigenschutz geht vor!“

 

Das Gewitter zieht vorbei, die Aktion kann weiter gehen. Nach etwa 10 Minuten sind Retter und Patient, simuliert von einem Teamkollegen in blauem Overall, sicher am Boden angekommen. Getränke und Brötchen für alle. Wer übrigens rauchen möchte, muss vorher aus der Montur, sonst droht ein Gewitter, in diesem Fall nicht von oben, sondern von Schütrumpf: „Der Schmelzpunkt der Nylongurte, die wir benutzen, liegt bei etwa 200 Grad Celsius“, erklärt der 34-Jährige, „die Glut einer Zigarette hat über 800.“ Überzeugend.

 

 

 

Einer darf den Kran auch fahr`n


 

Als nächstes steht der Kran einer Baustelle auf dem Programm. Eine realistische Einsatzmöglichkeit; keine Drehleiter könnte auf dem Baugelände nah genug an den 35-Meter-Kran heran, um den Kranführer aus seinem Führerhaus zu retten. Eigentlich eine Standartsituation für die HÖREG, doch diesmal spielt niemand aus dem Team den Patienten, der Geschäftsführer der Kranfirma hat sich bereit erklärt, den Kranführer eine Überstunde machen zu lassen. Freiwillig, versteht sich. Zügig klettert der erste Mann mit dem Notfall-Equipment nach oben und checkt die Lage. Erste Diagnose: Verdacht auf Knöchelfraktur links. Kurz darauf kommt über den 2-Meter-Funk die Entscheidung für die „Rettungswindel“.

 

 

 

 

Drei weitere Höhenretter steigen bei eisigem Wind und Regen mit dem Material über die Leiter im Krangerüst nach oben. Gewicht pro Seilrucksack: Rund 25 Kilo. Ich beschließe, die Szene diesmal aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Von unten. Der Rest ist für die Seilsamariter Routine. In wenigen Minuten werden Kranführer und Betreuer von den Kollegen auf dem Kran über das Geländer geführt.

 

Scheeder beobachtet das Geschehen: „Die beiden sind doppelt gesichert: Am statischen Seil hängt immer die Last, ein dynamisches Seil dient zur Absicherung, falls etwas passieren sollte. Dann fallen beide ins zweite Seil“. Er wendet den Kopf in meine Richtung und zwinkert. „Ist aber noch nie passiert.“

 

 

 

 

Oben am Kran haben die Helfer vorher das Abseilgerät montiert. Kriterien für den Anschlagpunkt: Er muss mindestens 10 Kilo-Newton - also eine Tonne Gewicht - halten. Langsam lässt die Sicherungsmannschaft die beiden nach unten gleiten. Auch hier sorgt ein zusätzliches System für Sicherheit; selbst falls die Helfer auf dem Kran ihre Hände in die Taschen stecken würden, könnte nichts passieren, die „Totmann- und Panikschaltung“ stoppt sofort den Abseilvorgang, wenn sie losgelassen wird. Einzige Herausforderung: Kurz vor dem touchdown muss die Sicherungsmannschaft Patient und Betreuer in Zentimeterarbeit an den Moniereisen vorbeinavigieren, die überall aus dem Boden ragen. Touchdown, Kranführer Matthias Ziegler grinst gelassen auf die Frage, wie er sich gefühlt habe. „War mal was Neues, außen abzusteigen, komfortabler als die Leiter allemal.“ Wird eigentlich hier außer mir niemandem schwindelig?

 

 

 

 

Manchmal geht es auch bergab

 

 

Als letzter Spot steht heute das Kletterparadies im Naturschutzgebiet Morgenbachtal auf dem Programm. Eine gute Gelegenheit, den Einsatz mit Schleifkorb und Flaschenzug zu trainieren. Wieder im Blaumann simuliert ein SEG-Mitglied einen verletzten Freizeitkletterer, der inmitten eines Geröllfeldes weder vor- noch zurückkommt. Routine für die HÖREG. In wenigen Minuten ist das Sicherungsgerät montiert, zeitgleich ist der First Responder bereits beim Patienten und versorgt ihn. Der lose Untergrund und das steile Gefälle von mehr als 30 Grad sind nicht gerade gute Bedingungen.

 

 

 

 

 

Daher ist für die Retter beim Herablassen des Schleifkorbs besondere Vorsicht angesagt, losgetretene Gesteinsbrocken könnten schnell bei Patient und Betreuer als Lawine enden. In diesem Fall haben sich die Samariter für den normalen Schleifkorb entschieden. Für besonders „Schwere Fälle“ haben sich die Mainzer eine XXL-Version anfertigen lassen mit einer TÜV-geprüften Tragkraft von rund 1,6 Tonnen.

 

 

 

 

 

Ein Tragen des Schleifkorbs mit Patient wäre auf diesem Untergrund schlichtweg nicht möglich. Kein Stein, egal wie groß, gibt genug Halt. Die Höhenretter bilden drei Teams: Das erste sichert oben am Abseilgerät, Nummer zwei bedient den auf halben Weg montierten Flaschenzug und die dritte Gruppe bleibt beim Patienten. Auch wenn der Flaschenzug das angehängte Gewicht um das sechsfache reduziert: Es bleibt Knochenarbeit. Dennoch ist der Patient nach wenigen Minuten auf sicherem Terrain. Ein wenig abseits sitzt die „Jury“: Rech und Schütrumpf haben es sich auf einem Felsen bequem gemacht und scheinen mit der Arbeit zufrieden. Einsatzbesprechung, ein Lob der Jury, einpacken, abfahren.

 

Doch Feierabend hat die Truppe noch lange nicht: Zurück auf der Wache wird jeder Ausrüstungsgegenstand, ob Seil oder Karabiner, penibel auf eventuelle Beschädigungen geprüft und die Einsatzzeit im Gerätebuch dokumentiert. Ist auch nur eine Faser an einem Seil gerissen, ruft der Häcksler. Grund genug, eine Tradition zu pflegen: Wer auf ein Seil am Boden tritt und riskiert, durch scharfe Steinchen oder Glaspartikel in der Schuhsohle das empfindliche Gewebe zu beschädigen, gibt eine Runde selbstgebackenen Kuchen für alle aus. Seile sind teuer. Bei einem Meterpreis von bis zu vier Euro und einer Länge von 100 Metern gehen solche Unachtsamkeiten schnell ins Geld. Der alltägliche Verschleiß ist bereits hoch genug, ein Seil hält bei den engen Übungsintervallen gerade einmal ein Jahr. Insgesamt schlägt das Budget für die HÖREG pro Jahr mit rund 15.000 Euro zu Buche. ASB-Geschäftsführer Tobias Dierker sieht darin jedoch eine gute Investition: „Gemessen an anderen Sondereinheiten sind unsere Höhenretter bescheiden. Man darf auch nicht vergessen, dass hier alle rein ehrenamtlich arbeiten und mit einem sehr hohen Engagement eine Einheit aufgebaut haben, die in Rheinland-Pfalz einzigartig ist. Das unterstützen und fördern wir natürlich.“

 

Als Konkurrenz zu HÖREG der Feuerwehren im Umkreis sieht man sich jedoch nicht. Branddirektor Rolf Wachtel von der Mainzer BF bringt es auf den Punkt: „Die HÖREG vom ASB kann sicherlich eine sinnvolle Ergänzung der Einsatzkräfte sein. Eine amtliche Zusammenarbeit besteht derzeit zwar noch nicht, aber Gespräche am runden Tisch über eine mögliche Kooperation gibt es bereits.“

 

 

Als Bonbon gibt’s Mast

 

 

Früh am nächsten Morgen geht es mit der ganzen SEG-Truppe ins Mainzer Stadion. Für einige geht an diesem Tag ein Traum in Erfüllung: Abseilen von einem der Flutlichtmasten in die heiligen Tribünen. Die Bedingungen sind optimal. Es weht gerade einmal ein zartes Lüftchen und selbst die Märzsonne meint es gut mit uns. Als Anschlagpunkt wählen die Höhenretter diesmal das Untergerüst der Tribüne. Bedeutet: Die Seile müssen erst durch den Schacht des Flutlichtmasts auf die schmale Plattform in rund 30 Metern Höhe gebracht werden.

 

 

 

 

 

 

                                                            

 

 

Die besondere Herausforderung für die Höhenretter? Eigentlich keine. „Das ist mehr so eine Art Bonbon für uns“, erklärt Schütrumpf, „welcher höhenrettende Fußballfan träumt nicht davon, in dieser Kulisse zu arbeiten?“ Milton Scheeder gibt ein Zeichen, er ist soeben sicher auf der Tribüne gelandet. Jetzt ist Schütrumpf dran. Jeder darf heute mal, auch die Chefs. Fast im Minutentakt gleiten die Höhenretter von der Plattform aus auf die Ränge. Mal mit, mal ohne Patient. 16:0 für die Mainzer HÖREG. Dann geht es weiter zum nächsten Spot in die Mainzer Innenstadt.

 

 

 

Großes Kino   

 

 

 

Ich wusste nicht, dass man seine Fingernägel in Stahlbeton krallen kann. Man kann. Ich sitze in rund 20 Metern Höhe auf einem kleinen Sims vor dem Geländer eines Großraumkinoparkhauses und habe Angst. Keine gute Idee, schießt es mir durch den Kopf. Keine gute Idee, selbst einmal den Patient zu spielen und sich abseilen zu lassen. Nach zwei Tagen habe ich so viel Vertrauen zu der Truppe, dass mich ein Akt unangebrachter Selbstüberschätzung die Worte sprechen ließ: „Ich tue es.“ Noch vor wenigen Minuten, als mir Sabine Lipp Brust- und Beckengurt auf dem Dach des Parkhauses angelegt hat, war mir zwar mulmig, aber ich war gefasst.

 

 

 

Das war vor wenigen Minuten. Jetzt habe ich Angst und ich bin mir sicher, dass es nicht zu der Natur des Menschen gehört, sich von dem Sims eines Rheinland-Pfälzischen Mulitplexkinos in die Tiefe rutschen zu lassen – gesichert hin, gesichert her. Die 25-Jährige hängt bereits vor mir an der Fassade und hat mich mehrfach gesichert. „Lass einfach los, es ist ganz einfach, es kann nichts passieren!“ Hören kann ich die Worte, ihnen zu folgen kommt mir nicht in den Sinn. Ich bin nicht bange, ich habe Angst. Das Adrenalin steht mir bis unter die Schädeldecke, mein Herzklopfen würde jede noch so tolerant eingestellt Alarmgrenze eines Pulsoxymeters sprengen. Ich mache den Fehler, nach unten zu sehen. Verschwommen sehe ich die Fahrzeuge der SEG und einige Schaulustige. Mir wird sofort schwindelig. Sabine Lipp führt ihre gesamten pädagogischen Fähigkeiten ins Feld und redet ruhig, aber bestimmt auf mich ein.

 

Dann passiert es. Wie ich von dem Sims komme, weiß ich nicht. Mein Puls rast und mir bleibt die Luft weg. Nach wenigen Zentimetern Fall hänge ich im Gurt, umkralle mit der einen Hand das Seil und mit der anderen meine Retterin. Langsam und gleichmäßig schweben wir weg von der Fassade in Richtung Boden. Ich öffne die Augen, bekomme wieder Luft. Nach wenigen Metern halten wir kurz an. Ich sehe zurück aufs Dach, die Sicherungsmannschaft winkt uns zu. Sanft schaukeln wir im Wind. Ich sehe über mich auf den Selbstsichernden Stahlkarabiner, an dem ich und mein Leben hängen. Das Ding hält. Sabine Lipp lächelt mir zu. Plötzlich weiß ich: Mir passiert nichts, ich beginne mich sicher zu fühlen.

 

 

 

Meine Hände zittern trotzdem noch, wir seilen vorsichtshalber die Kamera ab. Gleichmäßig gleiten wir weiter nach unten, bis uns helfende Hände in Empfang nehmen und sicher auf den Asphalt stellen. Wenn nur die Knie nicht so weich wären. Ich tausche mit Malte Schütrumpf Gurte gegen Zigaretten und lehne mich erst einmal ans Auto. Die Mannschaft macht sich bereit für eine Übung mit Schleifkorb. Langsam finde ich wieder zu mir, ich fühle mich gut, sortiere das eben Erlebte. Konfrontation in vivo pur. Irgendetwas in mir ist anders als vorher. Besser. Ich glaube, jeder sollte einmal die Erfahrung gemacht haben, wie es ist, wenn man sein Leben hilflos in die Hände Anderer geben muss.

 

Wenig später ist die Übung vorbei, die HÖREG verlässt geschlossen in V-Formation das Kino. Für mich heißt es Abschied nehmen, Abschied von einer außergewöhnlichen Truppe. Als ich ins Auto steige, hängt an meiner Jacke ein Stahlkarabiner, den Milton Scheeder mir überreicht hat. Der Karabiner, an dem ich hing; und heute noch hänge.

 

 

 

 

 

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